Briefe als Zeitzeugen der Flucht aus Ostpreußen
Familie Kurt und Eva Klemens mit den Söhnen von links: Ulrich, Wolfgang  (Autor) und Manfred Unsere Mutter Eva Klemens geb. Höllger ist nach dem Kirchspieltreffen in Bad Nenndorf (Mitte Okt. 2006), an dem sie noch emotional bewegt und mit großem Interesse teilgenommen hatte, am 01.11.2006 gestorben. In ihrem Nachlass haben wir Unterlagen über Haus, Hof, Wirtschaft und Familie gefunden, die sie wie ein Geheimnis hütete, kaum einem zeigte und auch nie darüber sprach. Unter anderem waren auch einige Briefe dabei, die sie während der ersten Wochen auf der Flucht von ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer Cousine erhalten hatte. Als im Oktober 1944 deutsche Soldaten sich mit Panzern und schwerem Geschütz von der Ostfront kommend auf dem Rückzug befanden, auf unserem Hof in Ansorge bei Kuckerneese, Elchniederung zwischenzeitlich Quartier bezogen, sagten sie:
            „Was macht ihr noch hier? Der Russe steht vor der Tür, ihr hättet schon längst fort sein müssen.
                                                          Macht, dass ihr wegkommt!“
Die Rote Armee bereitete schon zu diesem Zeitpunkt hinter der Grenze in Litauen und Weißrussland die Winteroffensive gegen Königsberg und Ostpreußen vor. Daraufhin ließ unsere Mutter zwei Gespanne mit sieben Pferden zusammenstellen, die Wagen mit Hausrat, fürs erste ausreichend Essen, Kleidung für uns Kinder im Alter von einem halben Jahr (Schwester) und drei bis 9 Jahre (4 Jungen) und Futter für die Pferde beladen. Wichtige Dokumente wurden in der Haferkiste versteckt. Haus, Hof, das Vieh und ca. 210 Morgen Acker- und Weideland hinter sich lassend, begann am 18. Okt., zuerst noch geordnet, eine ziellose Fahrt. Erst nach ca. 14 Tagen bekamen wir für eine längere Zeit Unterkunft in Pellen bei Heiligenbeil. Viele Verwandte und Angehörige befanden sich, u.a. unsere Großeltern, derzeit noch im Samland. Alle hofften auf eine baldige Heimkehr. Fast nicht zu glauben ist, dass die Kommunikation in den ersten Wochen der Flucht auch ohne Telefon und Handy klappte.
2 Briefe von unseren Großeltern Gertrud und Heinrich Höllger (Eltern unserer Mutter Eva Klemens), ehem. wohnhaft in Ansorge,

Liebes Evchen und Kinder!                                     z.Zt. Pertelnicken, d. 9.November 1944
 Durch Heta erhielten wir gestern Eure Adresse. Hoffentlich ist sie richtig. Wir sind hier bei einer alten Hausbesitzerin untergebracht, das heißt Vater und ich mit Jatschka und Pawel, der die Pferde besorgt, die ganz in der Nähe sind. Gerda ist im Gut Kiautrienen, Post Perteltnicken, mit Sohn und noch 2 Pferden. Die hat es gut bei voller Verpflegung für sich und die Leute. Sie ist etwa 4 km von uns entfernt. Vater ist schon einige Male dort gewesen. Für mich ist es etwas weit. Unser nächster Kirchort ist Pobethen.
Du armes Kind bist nun ganz allein von allen abgesondert. Wie kamst du nun dort hin, mit der Bahn oder mit dem Wagen? Sind Deine Wagen und die Leute auch in der Nähe? Vater war am letzten Sonnabend nach Hause gefahren und hat es dort ziemlich wüst vorgefunden. Bei Deiner Wirtschaft war er auch. Drei junge Pferde hat er abends noch auf dem Hof gesehen, aber morgens waren sie nicht mehr da. Im Schweinestall ist er nicht gewesen.
Die Soldaten bei Dir hatten schon Haus und Hof verlassen. Aber auf unserem Hof traf er noch die Artillerie mit ca. 30 Mann an. Die haben da flott gewirtschaftet. Die Öfen waren alle eingekachelt, anders als bei uns früher. Im Herd in der Küche, im Bratofen und auch unter dem Kessel hatten sie Feuer. Von unseren Schweinen liefen nur noch einige Ferkel im Stall herum. Was nicht von den Soldaten geschlachtet wurde, ist von den Hunden gerissen worden, so auch die Schafe.
Liebes Kind, schreib bald an uns an die umstehende Adresse, wie es Dir und den Kindern geht. Wie hat Puppe die Reise überstanden? Wenn möglich, kommt Vater Euch besuchen. Wo Lenchen ist, wissen wir auch nicht. Innige Grüße Dir und den Kindern von Deinen Eltern.

Anmerk.: Puppe ist unsere Schwester Walburg. Sie war 6 Monate alt.

Liebes Evchen und Kinder!                                       Perteltnicken, d. 16. November 1944
Haben Deinen lieben Brief vom 13. erhalten. Hab herzlichen Dank für Deine Sorge um uns. Inzwischen wirst Du ja auch meinen Brief erhalten haben. Heute schrieb Lenchen, sie ist bei Bauer Tietke in Grunau bei Heiligenbeil. Vielleicht seid ihr nicht so weit von einander entfernt. Unser Siegmund ist vergangene Woche Herrn Schulz und Deinem Watzlaf begegnet, als sie nach Hause fuhren, um Heuzu holen. Er hat mit Watzlaf gesprochen. Die sollen auch in der Heiligenbeiler Gegend sein. Unsere Frauen kamen heute auch von zu Hause zurück. Die sagten, es sind außer Geflügel nur noch Katzen auf dem Gehöft, im Hause ein wüstes Durcheinander. Sie holten noch etwas Geflügel und meine Gardinen. Ich weiß nicht genau, ob ich Dir Gerdas Adresse geschrieben habe? Sie ist auf dem Gut in Kiautrienen bei Lemke. Wenn Du uns besuchen willst, dann ist Gerda näher an der Bahn. Die Station ist Pertelten. Ich bin noch nicht bei ihr gewesen, aber morgen werden wir wohl hinfahren. Wie kommt es, dass Du von Kurt nicht die Nummer hast, hat er eine andere? Gott gebe nur, dass er noch am Leben ist. Hast Du Deine Herta bei Dir? Hier gefällt es uns ganz gut, nur mit der Heizung müssen wir sehr sparen. Nur 6-7 Briketts kann ich auflegen und unsere Stube ist 5 mal 6 mal 2,5m groß, da kannst Du Dir vorstellen, wie die Temperaturen sind. Vater geht viel spazieren zu Gerda und nach Pobethen, unserem nächsten Kirchdorf, einkaufen. Er will so gerne nach Hause, weil doch noch so viel Arbeit auf dem Felde wartet, aber auch wieder nicht, weil keine Tiere mehr zu betreuen sind. Ich würde froh sein, wenn wir hier bleiben dürften. Mein Magen ist nicht in Ordnung, aber auf ärztliches Anraten werde ich vielleicht bald Vollmilch erhalten. Bis jetzt bekomme ich 4 mal die Woche etwas Magermilch.
Viele innige Grüße Dir und Deinen Kindern von Deinen Eltern

Weitere Informationen über den Verbleib unserer Großeltern in Ostpreußen haben wir nicht.

 

Liebes Evchen!                                                   Neu Damerau 29.12.44
Durch Lenchen habe ich Deine Adresse bekommen und gehört, dass es Dir schlecht ergangen ist, man könnte sagen am schlechtesten von uns allen. Kurz vor Weihnachten habe ich erfahren, dass sie ganz in meiner Nähe wohnt. So über die Felder zu gehen, ist es eine Stunde. Ich bin glücklich, jemand in der Nähe zu haben, bin schon zweimal bei ihr gewesen. Durch Heten habe ich ihre Adresse bekommen. Von meiner anderen Verwandtschaft, außer den Marienwaldern, weiß ich nichts.
Ich habe es noch ganz gut getroffen, bin mit Frau Kessler zusammen. Wenn wir nicht weiter dürfen, hier könnte ich es schon aushalten. Wir haben 2 Zimmer und eine große Küche. Unsere Bauern sind 3 Geschwister, die den Hof bewirtschaften, echte Natanger, aber sonst kommt man gut mit ihnen aus. 2 Brüder sind noch Soldaten. Meine Jungens sind Gottlob noch alle am Leben. Louis und Ernst sind vor Warschau. Felix liegt verwundet im Lazarett in Wernigerode. Erika ist zu ihm gefahren. Hans ist aus dem RAD entlassen, muss am 5.1.45 nach Königsberg zur Nachuntersuchung und wird dann auch bald gezogen. Ich war ja so glücklich, einen bei mir zu haben, so war Weihnachten nicht gar so traurig. Was wird uns das Jahr 1945 bringen? Ein besseres neues Jahr und baldige Wiederkehr in der Heimat.
Melde Dich bitte auch einmal. Sei gegrüßt von Anna und Hans

Brief von unserer Tante Helene Nienke an ihre Schwester, unsere Mutter Eva Klemens

Liebe Eva und Kinder!                                                               Gründen den 1.1.45
Heute Abend will ich Dir endlich Antwort geben und Dir berichten, wie es mir bis jetzt gegangen ist. Am 18. Dez. kam Kurt in Urlaub und fuhr heute Morgen wieder von Braunsberg ab. Am Mittwoch, dem 20.12. waren Kurt und ich sehen, wie es unserem Kleinen im Krankenhaus ging. Da bekamen wir den Bescheid, daß wir ihn sofort abholen sollten. Darauf haben wir das Jungchen am Freitag vor Weihnachten hierher gebracht. Er sieht ja sehr elend aus, aber es wird ja doch was werden. Gepflegt und aufgepasst muss er ja werden, wie ein rohes Ei. Da hatte ich ja wenigstens alle zu Weihnachten zusammen. Es kommt ja doch noch manchmal etwas besser als man denkt. Wir müssen ja jetzt für alles dankbar sein. Anna Kramer war mich mit Hans schon 2 mal besuchen. Die ist nicht weit von uns. Am l. Feiertag waren auch Saumis, Tante Ella, Christel mit Reinhart und Frau Petrick zu Besuch. Sie kamen schon zu Mittag, auch Opa und Oma. Na vorläufig haben wir ja noch zu essen, bis jetzt bekommen wir noch Karten für Selbstversorger. Die alten Nienkes sind jetzt 1,5 Kilometer ab von uns, zuerst waren sie weiter weg. Uns werden jetzt alle Pferde abgenommen, die sollen in die Elchniederung, weil hier knapp Futter ist und sie für die Arbeit gebraucht werden. Die Zuchtstuten sollen noch nicht dazukommen. Was aus denen wird, wissen die selbst noch nicht. Unser Nobel hat von irgendetwas Schlimmes am Bein.
Um nach Hause zu fahren, wurde uns heute gesagt, ist ja noch nicht zu denken. Die Wirtschaften müssen ja z.Teil neu aufgebaut und eingerichtet werden. Die Höfe am Nussbaum sollen ja zum Teil abgebrannt sein. Ob unsere Wirtschaft noch steht,Helene geb. Höllger und Kurt Nienke mit ihren Kindern Heinz, Irmtraut und Reinhold (von links) 1943 wissen wir auch nicht. Webers in Schneiderende und Bessingers in Schlichtingen, die sind abgebrannt. Kukkucks aus Neusorge sollen alles verladen und sich in Thüringen abgesetzt haben. Manch andere sind auch schon im Reich. Vielleicht hast Du es noch sicherer als wir. Uns wurde ja gesagt, weiter brauchen wir nicht, aber was wissen wir schon.

 Kurz danach wurden Nienkes Pferde beschlagnahmt. Ohne Wagen und nur mit sehr wenig Handgepäck musste sich unsere Tante mit ihren am Rockzipfel hängenden Kindern im Alter von 4 Monaten und 4 Jahren zur Ostsee durchschlagen, um auf dem Seeweg die Flucht fortzusetzen. Leider hat das „Jungchen“, erst im September 1944 in Allgau bei Kuckerneese geboren, diese Strapazen nicht überlebt. Direkt vor der Überfahrt mit dem Rettungsboot über die Ostsee in Richtung Westen ist er an einem bitterkalten Januartag sprichwörtlich in den Armen seiner Mutter verstorben. Die Dramatik der Ereignisse, u.a. die Hektik vor dem Einchecken in das übervolle Schiff und die unerträglichen Witterungsbedingungen ließen eine menschenwürdige Beisetzung des kleinen Jungen nicht mehr zu. Bruno musste ganz allein in Ostpreußen zurückgelassen werden. Seine MutSeitenanfang - topter hatte dieses Ereignis auch 60 Jahre danach bis zu ihrem Tod nicht verkraftet.
Dies war der letzte Brief, denn durch die einsetzende Großoffensive der russischen Armee waren jegliche Kontakte unterbrochen.

Wolfgang Klemens aus Ansorge, jetzt Halberstadt Heimatbrief Nr. 50

Auf dieser Seite sollen in loser Reihenfolge Berichte über Flucht und Vertreibung aus dem Kreis Elchniederung veröffentlicht werden.

Wolfgang Klemens (Ansorge/Halberstadt) berichtet über die Flucht anhand von Briefen.

Heinrich Salomom Hechtfang in Kuckerneese 1947

Kurt Paschkewitz Schulgeschichten aus Heinrichswalde

Werner Kallweit Onkel Otto (Kallweit) und sein bewegtes Leben

 

 

 

 

 

 

 

 

Der ungewöhnliche Hechtfang in Kuckerneese
Was sich im Frühjahr 1947 an der kleinen Kucker zutrug Nach Herdenau (Kallningken) und Valtinhof (Valtinkratsch) war Kuckerneese (Kaukehmen) unser dritter und letzter Aufenthalt in einer Kolchose in der Elchniederung. Als wir uns im Sommer 1946 Hals über Kopf von Valtinhof verabschieden mussten, wussten wir nicht, dass wir diese Region mit dem Gutshof und den drei Insthäusern nie wieder sehen würden. Warum wir so abrupt den Kolchos in Valtinhof verlassen mussten, war niemand so richtig einleuchtend, aber das wirtschaftliche Chaos wird wohl der Hauptgrund fr diese Aktion gewesen sein. Bei den Russen vollzogen sich Verschiebungen dieser Art ohne größere Vorankündigung, es musste immer alles rasch geschehen. Die Militärs, die immer noch das Sagen hatten, operierten wie im Krieg durch knallharte Befehle, ob eine logische Begründung gegeben war oder nicht Und da die Militäradministration von der Landwirtschaft sowieso nichts verstand, war es ihnen auch egal, was aus den einst fruchtbaren Feldern werden würde. Als erstes wurde der Pferdestall aufgelöst und dorthin überführt. Der Abschied fiel uns schon sichtlich schwer, weil wir das neue „zu Hause“ abermals räumen mussten. Alle neu entstandenen Gefühle des Heimischwerdens galten plötzlich nichts mehr. Es zehrte an der seelischen Substanz, vor allem bei den Eltern, die stark nach außen auftreten mussten, innerlich jedoch vor dem Ruin standen. Als ich zusammen mit meiner Frau 1995 nach 48 Jahren in diesen Teil unserer Elchniederung reisen durfte, waren auch die letzten Spuren der Niederunger Zivilisation in Valtinhof endgültig verwischt. Dort wo das ehrwürdige Gutshaus - mit den unterschiedlichsten Erinnerungen verknüpft – einmal stand, war eine Schweinemastanlage aus dem Boden gestampft worden, und diese Duftstoffe verliehen jetzt dieser Region ihr „Markenzeichen“. Nur die gewaltige Linde, oder war es doch eine Eiche, die einst vor dem Gutshof zu einem Puschen im Schatten einlud, wehrte sich mit Erfolg, als letzte Spur Valtinhofs beseitigt zu werden. Als einsamer Zeuge, der mindestens vier Gesellschaftssysteme überlebt hat, steht er nun stellvertretend fr alles auf Wacht. Die verheerende Hochwasserkatastrophe vom Frühjahr 1946, die bei Kloken durch den riesigen Dammbruch ausgelöst worden war, hatten wir verhältnismäßig glimpflich überstanden. Wie es uns nun in Kuckerneese ergehen sollte, wusste niemand. Zunächst ging es darum, eine sichere Behausung zu finden. Dazu wurden die noch verwertbaren Wohnungen abgeklappert und nach Bewohnbarkeitskriterien ausgesucht. Das war nicht ganz einfach, denn die Russen als Sieger nahmen sich das „Vorrecht“. Manchmal hatte man es sich schon einigermaßen eingerichtet, bis plötzlich ein Russe daherkam, weil ihm die Wohnung gefiel, und schon war man wieder auf der Straße. Dann aber kam schon das wichtigste Problem, das alle anging, Deutsche wie Russen gleichermaßen: Hlt der geflickte Damm? Denn dass das Hochwasser kommen würde, das stand fest. Das Frühjahrshochwasser kam dann auch ganz nach Plan, und der Damm hielt. Selten im Leben habe ich so überglückliche Menschen gesehen, die sich in den Armen lagen und sich ihrer Tränen nicht schämten, denn eine ähnliche Hochwasserkatastrophe wie im Jahr zuvor hätten wir wahrscheinlich wohl nicht überstanden. Sollte das Jahr 1947, das so verheißungsvoll für uns begonnen hatte, sich weiter so gut entwickeln? Tatschlich, der positive Trend hielt zunächst auch noch an. Schon der kleinste Hoffnungsschimmer, der irgendwo zu sehen war, löste Freude aus, verlieh notwendigen Mut, weiter durchzuhalten. Im Frühjahr 1947 sollten wir eine Glücksphase ergattern, wie sie nicht sehr oft im Leben vorkommt. Die seichte Kucker – zur Zeit Kaukehmens hie sie Kauke - mit den vielen Windungen und den schon sehr alten, dicken und schrägen Weiden an den ebenen Ufern war unsere Nahrungsquelle. Um zu den notwendigen Laichstellen zu kommen, mussten die Hechte durch die Kucker, die unmittelbar hinter der Brücke in Kuckerneese ihre schmalste Stelle hatte. In Windeseile sprach es sich herum, welches Naturschauspiel uns geboten und von uns auch genutzt wurde. Jeder, der einen Kescher, einen Buller oder ein anderes Fanggerät hatte, machte sich an das Vergnügen und wurde auch reich belohnt. Kaum hatte ich meinen Buller ins Wasser geworfen, da merkte ich schon am Draht, mit dem der Buller verbunden war, dass Fische drin sein mussten, denn der Draht vibrierte heftig. Und so war es dann auch. Ich leerte den Buller, gab die Hechte meinem jüngeren Bruder Ernst, der damals neun Jahre alt war. Er verstaute sie gerade noch im Krepsch, da kam ich schon mit dem nächsten Fang an. Es war wie im Mrchen, nur diesmal war es die absolute Wirklichkeit an dem kleinen, sonst unbeachteten Flüsschen. Die Fische waren inzwischen so dicht bei dicht im Wasser, dass man sie nur noch mit den Händen zu nehmen brauchte. Das taten wir auch unentwegt. Plötzlich lag jemand auf dem Bauch ganz dicht am flachen Ufer und griff unter die Uferkante nach den Hechten, die wie gestapelt und betäubt lagen und sich ohne weiteres greifen ließen. Sekunden später lag auch ich ebenfalls auf dem Bauch und griff nach den Fischen, die mir Ernst sofort abnahm. Es war alles wie im verkehrten Film. Die Russen, die von Hause aus leidenschaftliche Jäger und Fischer sind, hatten ähnliches wohl auch noch nicht erlebt. Nie zuvor hatte ich Menschen gesehen, die derart vom Fangfieber besessen waren. Ein Russe versuchte, einen sehr großen Hecht mit dem Gewehr zu erlegen. Als es ihm nach mehreren Schüssen misslang, sprang er in Uniform ins Wasser, um den Fisch mit den Händen zu greifen. Als er das auch nicht schaffte, zog er wütend und schimpfend davon, schließlich war er bis zum Oberkörper völlig durchnässt.  Ich weiß nicht genau, wie ich dieses „Fische-Fangen“ bezeichnen soll. Die schlichte Beschreibung dieses Ereignisses kann nur annäherungsweise das wiedergeben, was sich an diesem Spätnachmittags in Wirklichkeit an der Kucker abgespielt hat. Man musste es erlebt haben. Da wir die Fische, die wir an diesem Tag und in dieser kurzen Zeit gefangen hatten, nicht alle tragen konnten, bat ich Ernst, er möge unser kleines Wägelchen holen, denn es waren ja nur etwa 300 Meter bis zu unserem neuen Haus in der Lorkstraße, damit wir unsere Beute sicher heimbringen konnten. Zu Hause war die Freude riesengroß. Die Tante und auch Frau Lewens, das war die lettische Lehrerin, die bei uns wohnte, wurden in die Verarbeitungsarbeiten der Hechte einbezogen. Am nächsten Tag trieben wir eine Tonne auf und begannen gleich damit, sie in eine Rucher-Vorrichtung umzufunktionieren, damit wir den grten Teil der Fische ruchern konnten. Wie das mit der Räucherei funktionierte, hatten wir schon 1946 in Skirwiet kennen gelernt, als wir von Valtinhof zum unweiten Fischerdorf zwecks eines Tauschgeschäftes unterwegs waren. Diese Räuchervorrichtungen hatten wir uns damals gründlich angesehen, wussten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, dass wir sie bald gebrauchen wrden. Den Duft dieser Hechte verspüre ich heute noch, wenn diese goldbraunen geräucherten Fische irgendwo auf dem Markt angeboten werden. Leider stirbt die Romantik des Verkaufs von geräucherten Fischen auf den Märkten so langsam aus. Was bleibt, ist die Erinnerung, die wir jedoch auf „Knopfdruck“ jederzeit abrufen und in Gesprächen der heranwachsenden Generation in ungeschminkter Form weitergeben können. Dieser ungewöhnliche Fischfang hatte damals wesentlich dazu beigetragen, die Ernährungslage erheblich aufzubessern. Naturereignisse dieser Art kommen im Leben wirklich sehr selten vor. Sie können nicht von den Menschen vorhergesagt oder gar geplant werden. Als wir zusammen mit meinen Brüdern 2001 in Kuckerneese waren und uns von der kleinen Brücke aus das Stückchen Kucker betrachteten, wo mein jüngerer Bruder Ernst und ich dieses Schauspiel erleben durften, frage ich mich heute noch, war es nur solide Gesetzmäßigkeit der Natur oder doch was anderes? Dieses Naturgeschenk im Frühjahr 1947 war dann auch der vorletzte Hoffnungsschimmer dieses Jahres. Die restlichen Monate des Jahres 1947 verschlechterten sich dann rapide. Ausführlich über Kuckerneese und den Hechtfang in der Kucker schreibe iSeitenanfang - topch in meinem Buch „Nur nicht nach Labiau gehen!“
Heinrich Salomon, frher Tranatenberg  
   Heimatbrief Nr. 51                                                                                                                                

Schulgeschichten aus Heinrichswalde
Ich war 11 Jahre alt als mein Vater, er war Postschaffner, nach Heinrichswalde versetzt wurde. Hier wohnte ich von 1937 bis 1943, dann kam ich nach Kloken bei Kuckerneese zum Reichsarbeitsdienst. Aus meiner Zeit in Heinrichswalde möchte ich 2 kleine Geschichten aus unserer Mittelschule in der Grünbaumer Allee erzählen. Unser Biologielehrer war Herr W., genannt Pongo wegen seiner außergewöhnlich dunklen Körperbehaarung ( Pongo war eine Gestalt aus dem damals beliebten Abenteuerschmöker „Rolf Torrings Abenteuer“). Neben unseren Hausaufgaben musste ein Schüler zur nächsten Biologiestunde immer einen Strauß Wald- und Wiesenpflanzen sammeln. Wir mussten dann Name und Fundort der Pflanzen benennen. Eines Tages wich er jedoch davon ab und stellte uns für die nächste Stunde kommender Woche folgende Aufgabe: „Bekanntlich ist ja die Lärche ein Laubbaum mit einer schönen großen Krone. Es gibt in Heinrichswalde nur einen einzigen Baum dieser Art. Eure Aufgabe fr die nächste Biologiestunde ist es, diesen Baum zu finden“. Wir waren zwar neugierig, haben auch ab und zu mal ein bisschen gesucht, aber letzten Endes war uns die Bolzerei auf dem Fußballplatz wichtiger. Die Woche verging, die Biologiestunde war da. Auf seine Frage, ob wir den Baum gefunden hätten, herrschte tiefes Schweigen. Die Enttäuschung des Lehrers W. war groß, zumal auch seine Lieblingsschüler nichts gefunden hatten. Einige von uns äußerten sogar den Verdacht, es gäbe einen solchen Baum in Heinrichswalde gar nicht, es wäre nur ein Scherz unseres Lehrers. Darauf dann er: „ Steht mal alle auf und tretet ans Fenster und schaut auf unseren Schulhof. In der äußersten Ecke unseres Schulhofes steht die schönste und einzige Lärche in Heinrichswalde und Umgebung.“ Wenn ich heute so zurück denke, es war wirklich ein schöner großer Baum mit einer großen stattlichen Krone, die einen großen Teil unseres Schulhofes beschattete. Damals hatte ich, und auch bestimmt ein Teil meiner Schulkameraden, keinen allzu großen Sinn für derartige Naturschönheiten. Trotzdem waren wir aber doch sehr erstaunt. – Jahre später, 1994, besuche ich Heinrichswalde als doch schon betagter Mann, auch unsere Schule mit der bewussten Lärche. Schulgebäude und Hof waren noch vorhanden. Die Lärche war fort. Wahrscheinlich war der Baum als Brennholz durch die Schornsteine der jetzigen Bewohner gegangen. Es war ja auch bequemer, als sich das Brennholz aus dem nahe gelegenen Wald zu holen. Die beiden Bilder zeigen unser Schulgebäude mit Schulhof im Jahr 1994.Schule Heinrichswalde 1994 Inzwischen soll das Schulgebäude abgebrannt oder wegen Altersschwäche eingestürzt sein. Tatareneinfall und Pest hat Ostpreußen überstanden, Russenherrschaft wird dieses Land wohl nicht überstehen. Auch meine zweite Geschichte spielt sich in unserer Schule in der Grünbaumer Allee ab. Als ich 1937 nach Heinrichswalde kam, war die offizielle Bezeichnung „ Höhere Knaben- und Mädchenschule. Sie erhielt dann, es muss wohl 1938 oder 1939 gewesen sein, die Bezeichnung Mittelschule Heinrichswalde (10-Klassen-Schule). Die Umstellung erfolgte problemlos, nur neue Schulbücher waren so plötzlich nicht verfügbar. Und damit hngt diese Geschichte zusammen. Aufgrund von Lehrerausfall, Krankheit oder Einberufung zum Wehrdienst wurden manchmal 2 Klassen zusammengelegt. So geschah es auch an diesem Tag. Es war eine Mathe-Stunde. Wir saßen im oberen Stockwerk, Fenster mit Blickrichtung auf die Grünbaumer Allee. Mathe hatten wir bei Rektor Fritz G. Vorausschicken möchte ich noch, dass wir ja immer mehr oder weniger harmlose Streiche für unsere Lehrerschaft bereit hatten. Irgendjemand hatte da immer einen guten Gedanken. Beliebtes Ziel war Lehrer Fritz G. Er betrat die Klasse und nach einem zackigen deutschen Gruß begann der Unterricht, allerdings mit den Lehrbüchern der Höheren Knaben- und Mädchenschule. Herr G. war immer sehr eifrig in seinem Bemühen, uns etwas beizubringen. Sein Lieblingssatz war immer, ihr lernt fr das Leben und nicht fr mich, wenn ihr das doch endlich kapieren werdet. Natürlich hatte er recht, doch damals lächelten wir nur darüber. Deshalb traf ihn ja beinahe der Schlag, als er feststellte, dass sein Schüler Heinz R. seinen Unterricht total ignorierte. Heinz saß am offenen Fenster, den Kopf auf beide Hände gestützt 
und unterhielt sich laut mit einem Kumpel, der mit seinem Fahrrad auf dem Bürgersteig der Straße stand. Herr G. rief Heinz zur Ordnung, und nach den blichen Zurechtweisungen fragte er ihn, was er sich erlaube, einfach nicht am Unterricht teilzunehmen. Darauf erwiderte Heinz dann sinngemäß: „Herr Rektor, wir sind jetzt eine Mittelschule. Der Lehrstoff, den Sie uns vermitteln, stammt aus einem Lehrbuch, das nicht fr Mittelschüler zugelassen ist, und daraus lerne ich nicht“. Wir übrigen Schüler bekundeten mehr oder weniger unsere Zustimmung, vermuteten wir doch instinktiv einen eventuellen, zeitlich begrenzten Ausfall des Unterrichtes. Und tatsächlich, Rektor G. klopfte hörbar sein Buch zu und verließ den Klassenraum. Unsere Schadenfreude dauerte allerdings nicht lange. Rektor G. erschien zur nächsten Stunde mit einem richtigen Lehrbuch. Seine kleine Rache war dann, dass wir unsere Hausaufgaben von der Wandtafel in der Pause abschreiben mussten und zwar so lange, bis wir auch im Besitz neuer Becher waren. Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir unseren Lehrern sehr oft das Leben schwer gemacht haben. Sie wollten wirklich das Beste für uns, und wir haben es ihnen nicht gedankt. Das möchte ich heute nachholen, obwohl es ihnen nun auch nichts mehr nützt.Seitenanfang - top
Kurt Paschkewitz, früher Heinrichswalde  Heimatbrief Nr. 51

Onkel Otto und sein bewegtes Leben
Damit verbunden ist auch eine ungewöhnliche Geschäftsbeziehung zu Mercedes-Benz, die schon über 100 Jahre zurückliegt und die wohl für die damalige Zeit „einmalig“ war. Nach unserer Flucht im Oktober 1944 aus Ostpreußen gelangten wir über Umwege erst 1947 wieder in das noch übrig gebliebene Deutschland. Es war der Gebirgsort Schönfeld, Kreis Dippoldiswalde und im Osterzgebirge gelegen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir auch versucht, zu verschiedenen Verwandten Verbindung aufzunehmen. Dazu zählt auch Otto Kallweit, geb. am 22.09.1882 in Blückersdorf, Kreis Insterburg/Ostpreußen. Es ist ein Cousin von meinem Vater, und seine erste briefliche Anfrage an uns ist, ob wir nicht Interesse hätten, mit ihm nach Amerika auszuwandern. Seine Einschätzung war schon damals, dass es ein Zurück nach Ostpreußen nicht geben wird, außerdem hätte Vater drei Jungs und das bedeutet Zukunft. Doch meine Eltern waren für so ein Wagnis nicht zu begeistern und auch nicht geeignet. Um so erstaunlicher der Vorschlag von „Onkel Otto“, wie ich ihn ab jetzt nennen werde, denn er ging zu diesem Zeitpunkt schon auf die Siebzig zu. Aber wenn man seinen Lebensweg kennen gelernt hat, so ist das normal. Es ist eine der aufregendsten Schicksale in unserem großen Verwandtenkreis, deshalb soll diese Schilderung ihm allein gewidmet sein, um seine Person der Nachwelt zu erhalten. Dieses Thema wäre aber auch ein Buch oder einen Film wert gewesen! Onkel Otto war uns zunächst nur vom Erzählen her bekannt. Er selber ist auch von Ostpreußen geflüchtet und bis Pretin gekommen. Dies ist ein kleiner Ort hinter Torgau (Sachsen) und in Elbnähe gelegen
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Aufgrund der relativ kurzen Entfernung von ca. 120 km kommen Vater und ich auf die Idee, ihn aufzusuchen, denn es steht Pfingsten 1949 an. Nach Rücksprache mit der Schule, denn ich musste meine verlorene Schulzeit von zwei Jahren nachholen, werden die Feiertage noch um einen Tag für mich verlängert. So geht es zu dem bevorstehenden Anlass an einem Nachmittag von Schönfeld (Erzgebirge) nach Dresden. Dort wurde bei Schneiders übernachtet, es ist eine Bekanntschaft zu Geschäftsleuten noch aus der Zeit aus Ostpreußen. Am nächsten Tag in aller Früh wird zur Schiffsanlegestelle gefahren, und mit einem Raddampfer beginnt elbabwärts unsere Fahrt. Dabei werden die Orte gestreift wie Radebeul, Meißen, Riesa, Mühlberg, Torgau, und dann kommt die Anlegestelle Dommitzsch bzw. Pretin. Hier müssen wir von Bord, was etwas problematisch ist, denn es gibt nur eine starke Holzbohle, über welche die einzelnen Passagiere von der Mannschaft herunter geleitet werden. Dann gelangen wir mit einer Fähre zum anderen Elbufer, um von hier etwa 2 km nach Pretin zu laufen. Dort angekommen, wird Onkel Otto durch seinen Bekanntheitsgrad schnell gefunden. Er lebte mit einer lieben Haushälterin, auch eine Ostpreußin, zusammen in einer ansprechenden Wohnung. Die Tage sind ausgefüllt mit Erzählen, dabei ist unser Gastgeber ein Meister darin, so geht es bis spät in die Nacht und als Getränk gibt es nur Grog zu trinken. Somit ist der Anfang unserer Verwandtschaftspflege gemacht und wird später noch oft wiederholt. Später besitze ich auch schon ein Motorrad und bin mit Vater öfter hingefahren. Auch als ich schon mit meiner lieben Frau verheiratet bin und in Dresden auf der Struvestraße Nr. 7 wohne, bekommen wir etwa 1962 unangemeldet seinen Besuch. Es klingelt, meine Frau macht die Tür auf und da steht im Türrahmen eine imposante, ältere Gestalt und stellt sich mit den Worten vor „ich bin der Onkel Otto“. In der Hand hält er ein großes Paket, welches er mit den Worten übergibt „lege es bis zum Abendessen in den Kühlschrank. Es enthielt Bücklinge, welche er in der Ladenstraße vor unserem Haus gekauft hatte. Auch an diesem Abend wird es wieder sehr spät durch seine Erzählungen. Onkel Otto war unterwegs, um hier in der Nähe Ersatzteile für seinen Traktor zu besorgen, also konnte man Werner’s Frau mal kennen lernen. So habe ich Onkel Otto kenngelernt und nachstehend beginnt seine eigentliche Geschichte:
Er stammte, wie gesagt, aus der Nähe von Insterburg, und seine Eltern hatten dort einen Bauernhof. Da er aufgrund seiner zahlreichen Geschwister für die Übernahme des Bauernhofs nicht in Betracht kam, musste er für sich eine andere Lösung suchen. Für ihn gab es dann auch nur den einen Wunsch, Er wollte zur Schutztruppe nach Deutsch-Südwest-Afrika (Namibia), der damaligen deutschen Kolonie. Die erste Hürde war sein momentan zu junges Alter für die Bewerbung, aber kurzerhand hat er das Datum seiner Geburtsurkunde geändert. Bei der Antragstellung ist dieser Schwindel nicht aufgefallen. So kam die Aufnahme zu Stande und die erforderliche Grundausbildung begann. Dabei wurden die Schwerpunkte auf Körperertüchtigung und Waffentechnik gelegt. Beim Letzteren kam es zu folgender Begebenheit. Mein Onkel ist zu einer Schiebung und als letzter Schütze im Schießstand, dabei zielt er schon einige Zeit auf die Zielscheibe. Das fällt auch dem wachhabenden Leutnant auf, er kommt auf ihn zu und spricht: „Kallweit, warum schießen Sie nicht?“ Darauf antwortet er: „Herr Leutnant, eine 10 kann ich immer schießen, aber nicht eine 12.“ Darauf antwortet der Leutnant: „Kallweit, wenn Sie eine 12 schießen, bekommen Sie eine Zigarre von mir.“ So zielte er noch einmal in aller Ruhe und trifft tatsächlich eine 12, damit bekommt er seine Zigarre geschenkt. Da er Nichtraucher war, wird dieselbe im Spind aufbewahrt. Nach der beendeten Grundausbildung kommt die Order, sich gediegenes Schuhwerk und dergleichen auf eigene Kosten zu besorgen, was für die örtlichen Verhältnisse nötig ist. In Afrika dann angekommen, wird die Schutztruppe zu vielfältigen Aufgaben herangezogen. Dabei sind in erster Linie Expeditionen zu begleiten und zu schützen. Zu diesen Unternehmungen gehört auch der Tierpark Hagenbeck aus Hamburg mit seinen Tierfängern. Auch eigene Jagderlebnisse gehren aus dieser Zeit dazu, daran erinnert auch ein Löwenfell mit Kopf, welches Onkel Otto noch im Wohnzimmer liegen hatte. Nach einiger Zeit ist eine Beförderung fällig, und ihm wird eine kleine Truppe unterstellt. Dann kommt auch der Augenblick, um sich Gedanken zu machen, wie es nach der Dienstverpflichtung weiter gehen soll. Da er in Afrika bleiben möchte, reift sein Plan, sein jetziges Umfeld wirtschaftlich zu erschließen heran. Das bedeutet, aus den höher gelegenen Ebenen bis zur Küste ein tragbares Straßennetz auszubauen, denn die gut zu handelnden Südfrüchte gab es zuhauf. Doch es fehlte eine geeignete Transportmöglichkeit, dies im größeren Umfang und mit einer anschließenden Verschiffung zu bewerkstelligen. So wurde mit seiner Schutztruppe und den interessierten Einheimischen dieses Projekt in Angriff genommen. Doch auch hier musste bei den Bewohnern Überzeugungsarbeit geleistet werden, denn sie waren es gewohnt, ihre Ware über weite Strecken zu transportieren, um Abnehmer zu finden. Nach seiner Entlassung ist eine neue Hürde zu nehmen, denn für sein angedachtes Fuhrunternehmen brauchte er auch Lastwagen. Doch seine Ersparnisse sind nicht ausreichend, und so wird sein Projekt der Fa. Mercedes Benz in Berlin-Marienfelde zugestellt. Hier wurden von 1900 - 1944 Busse und LKW’s gebaut. Dabei kommt es zu einem positiven Bescheid, aber mit der Auflage, persönlich fr ein halbes Jahr nach Berlin zu kommen. Die LKW-Produktion soll aus dem FF kennengelernt werden, um sich auch später alleine helfen zu können. Dieser Forderung wird nachgekommen und mit drei in Einzelteilen zerlegten LKW’s geht es per Schiff dann später wieder nach Afrika zurück in den damals einzigen Hafen Swakopmund. Hier angekommen, werden geeignete Einheimische angeheuert und die Lastwagen wieder zusammenmontiert. Nach der Fertigstellung kam dann der große Augenblick, auf den er besonders stolz war, die Motoren springen sofort an - damit ist der Anfang gemacht. So wird aus dem „Nichts“ eine kleine Transportfirma geboren, dazu kam ein Wohnhaus mit einer Hausangestellten, sowie eine Fahrzeughalle, um Reparaturen ausführen zu können. Auch LKW-Fahrer wurden eingestellt und ausgebildet, dabei waren sie besonders lernfähig und dem Neuen aufgeschlossen. Auch der wöchentlich stattfindende Markttag im Ort wurde gern aufgesucht, denn es herrschte ein aufgeregtes buntes Treiben, eben echt afrikanisch. So wurden Waren der verschiedensten Art von den Einheimischen angeboten und gehandelt. Dabei war Fleisch aufgrund der Wärme besonders problematisch, denn Kühlmöglichkeiten gab es nicht. Auch Goldwaren sind im Angebot, so auch massive Goldringe, von denen er etliche erwarb. Unter den Weißen wird auch ein gewisses Clubleben gepflegt mit Austausch von Neuigkeiten, geselligem Beisammensein und natürlich feiern in fröhlicher Runde. Dabei wurde auch deutsches Bier angeboten. Doch diese positive Entwicklung und das friedliche Miteinander werden jäh unterbrochen, es kam das Jahr 1914 und somit der Beginn des 1. Weltkrieges. Die deutsche Kolonie wurde von den Engländern übernommen. Damit verbunden war eine Internierung der Deutschen, das heißt, sie wurden nach England gebracht. Vorab konnte Onkel Otto noch seine so junge Firma an einen geeigneten Mitarbeiter bergeben, der übrigens schon sehr gut deutsch sprach. In England wurden die Internierten sehr kurz gehalten, was auch die Bewegungsfreiheit betraf. Es gab außerdem keine Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen und somit waren die Internierten zum Nichtstun verurteilt. Das war aber nichts fr meinen Onkel Otto, und so wurde die Idee geboren, es mit Intarsienarbeiten zu versuchen. Er hatte es mit der Zeit zu einer Perfektion gebracht, wovon ich mich auch selber überzeugen konnte. Denn ein Bild aus dieser Zeit hatte er gerettet, es hing zu Hause in seinem Badezimmer. Es stellte eine Frau dar, die im Badezimmer vor einem Spiegel steht und in der Hand einen Handspiegel hält. Es war eine sehr ausdrucksvolle Darstellung. Die Beschäftigung, anfangs noch als Hobby betrieben, entwickelte sich regelrecht zum Geschäft. Als Entgelt wurden nur Goldstücke entgegengenommen oder in dieselben eingetauscht. Auch hier wurde schon wieder weiter gedacht und ein größerer Koffer aus Sperrholz hergestellt. Dieser erhielt einen doppelten Boden, darin wurden die wertvollen Münzen versteckt. Nach Beendigung des Krieges 1918 wird das Lager aufgelöst und die Insassen nach Deutschland abgeschoben. Ein Zurück nach Afrika gibt es nicht, da hatten die Engländer nach deren Machtübernahme weiterhin das Sagen. In Deutschland angekommen, ging es wieder zurück nach Ostpreußen in seine Heimatstadt Insterburg. Aber die beginnende Inflationszeit und eine unruhige politische Lage waren ungünstig für einen Neubeginn. Doch in seinem Fall hatte er noch den Koffer mit doppeltem Boden, sprich Sparschwein und das im wahrsten Sinne des Wortes. Da Papiergeld immer rasant verfiel, waren die Goldstücke aus dem Koffer Tatschlich „Gold wert“. So war die Grundlage fr die Gründung einer Transportfirma wieder vorhanden. Später kamen noch Omnibusse, nach meinem Kenntnisstand auch von Mercedes-Benz, dazu, und das Ganze entwickelte sich zu einem Reiseunternehmen. Die Hauptziele waren dabei die nicht weit entfernten Ostseebäder und das Kurische Haff sowie Sehenswertes in Ostpreußen. Erwähnen möchte ich noch, dass Onkel Otto längere Zeit einen losen Briefkontakt mit seinem Verwalter in Afrika pflegte, wobei er wiederholt das Angebot bekam, doch wieder zurück zukommen und sein Unternehmen weiterzuführen. Es blieb wie es war, aber nicht die nachstehenden Ereignisse. Doch auch die Schaffenszeit in Ostpreußen hatte ihre Zeit, und am Ende des Jahres 1944 beginnt die Flucht. Dazu ist für ihn und seine Haushälterin ein PKW mit Holzvergaser umgebaut, denn Benzin ist knapp und rationiert. Dieses Bild der auf Holzvergaser umgebauten Auto’s kannte ich auch nach dem Krieg noch viele Jahre. Bei der Flucht wird der bereits erwähnte Ort Pretin an der Elbe erreicht. Hier wird auch das Kriegsende sowie der Einmarsch der Siegermächte erwartet, es ist wieder das Ende vom Neuanfang. Seine Haushälterin erhält in der Nähe eine Anstellung in einem Emaillewerk, wo Kochtöpfe, Schüsseln und Eimer produziert werden, auch ehemalige Stahlhelme werden umfunktioniert. So sind bereits dringend benötigte Tauschwaren im kleinen Umfang vorhanden. Doch Onkel Otto kann mit seinem umgerüsteten Personenwagen nichts anfangen, denn der Bedarf nach Personenbeförderung ist nicht vorhanden, die Menschen haben andere Sorgen. Die Sorgen hatten auch die Siegermächte, in dem Fall die Russen, denn sie benötigten dringend den gewohnten Schnaps. Diese Lücke wird erkannt, auch ein geeigneter Raum im Stallgebäude ist vorhanden. So wird an einem Destillierapparat gebastelt und nach etlichen Versuchen konnte die Produktion von Kartoffel- und Getreideschnaps beginnen. Fr Abnehmer ist schnell gesorgt und die Mundpropaganda tat ihr übriges. Dabei gab es auch einen ganz ausgefallenen Kunden. Eines Tages erscheint ein russischer Offizier mit einer größeren Aktentasche unter dem Arm, dabei ist er selbst nicht mehr ganz nüchtern. Im gebrochenen Deutsch wird gefragt: „Du Mann haben Wodka?“ Die Gegenfrage: „Wie viel Flaschen?“ Dazu wird eine Hand mit gespreizten Fingern gehoben. Nun war man sich einig und es ging ans Bezahlen. Dabei macht der Russe seine Aktentasche auf, gefüllt mit gebündelten Geldscheinen, wahrscheinlich war er vorher bei einer Bank gewesen. Mit der rechten Hand fasst er in die Geldscheine und fragt, „...ist genug?“ Das wird bejaht. Aufgrund von diesem unverhofften Geldsegen kommt wieder der Wunsch auf, ein eigenes Fuhrunternehmen zu gründen. Dazu wird eine Annonce in eine Tageszeitung gesetzt - suche Traktor mit Anhänger -. Bei dem Traktor kommt sofort eine Zuschrift aus dem Raum von Dessau, bei dem Anhänger dauert es etwas länger bis ein Zuschrift kam. Der Traktor wurde überführt und in einer angemieteten Halle untergebracht. Danach wird der Motor ausprobiert, aber er zeigt keine Leistung, trotz vieler Versuche und Änderungen. Da wurde die nächste Annonce aufgegeben - suche Fachmann, der sich mit dem Traktortyp ... auskennt. Es meldet sich ein Ingenieur, der in dem ehemaligen Traktorenwerk gearbeitet hat. Onkel Otto wird von ihm aufgesucht, danach der Traktor begutachtet mit dem Ergebnis, die Zuleitungsrohre fr die Einspritzung sind zu gering - es konnten nicht Originalteile sein. Nach Durchführung der vorgeschlagenen Änderung lief sein Traktor wie eine „Hanne“. Um den rationierten Kraftstoffbedarf abzusichern, ließ er sich im öffentlichen Straßenbau anstellen, damit er seine Lohnfuhren weiterhin durchführen konnte. Fr Onkel Otto war das Fuhrunternehmen sein Leben, aber es sollte auch leider sein Schicksal werden. Die Traktoren der damaligen Zeit sprangen teilweise schlecht an. So wurde als Starthilfe oft eine Kurbel genommen, um den Motor anzuwerfen. Doch diese Starthilfe war nicht ungefährlich, weil die Kurbel manchmal zurückschlug und es zu Verletzungen kam. Dieses eine Mal trat auch ein, wobei Onkel Otto im Brustkorbbereich so stark verletzt wurde, dass er ein paar Tage später im Krankenhaus den inneren Verletzungen erlegen ist - für uns alle eine bittere Nachricht. Auch im Nachhinein habe ich es schon oft bedauert, mir nicht mehr gemerkt oder stichwortartig notiert zu haben, denn es wäre noch viel zu berichten gewesen.
Werner Kalweit aus Wartenhöfen jetzt Bocholt Heimatbrief Nr. 51

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