Gedanken von Frank Peßlies, geboren und aufgewachsen in der DDR, zu seinem Reisebericht von 2007. Siehe Heimatbrief 49. Zu diesem Beitrag in Heft 49 erhielt er zahlreiche Zuschriften und meinte in einem Brief an die Redaktion des Heimatbriefes unter anderem:
“Ich habe diese Zeilen geschrieben, weil ich für mich mehr Klarheit in den Gedanken haben wollte. Gleichwohl könnte es sein, dass Sie sich für diese Gedanken eines Nachgeborenen interessieren.”
Siehe auch Heimatbrief Nr. 52 Seite 28 ff
Im Zusammenhang mit diesem Beitrag sollten Sie sich vielleicht mal die Fragen stellen:
“Wen in 35 Jahren interessiert Ostpreußen noch?
und schlussfolgernd daraus:
“Für wen später arbeiten die Kreisgemeinschaften heute? Ist es eine Arbeit für das Depot eines Museums oder ist es mehr?”
Ihre Meinung würde uns interessieren! Schreiben Sie uns oder Herrn Peßlies.
Ostpreußen. Erbe und Zukunft.
Das Ostpreußen, welches ich meine, existiert nicht mehr. Es kam zu Tode durch Flucht, Vertreibung, Verhungern, Erfrieren, Erschießen und 100.000fach andere Gründe. Die Deutschen als Träger der deutschen Kultur gibt es dort nicht mehr. Andere Menschen leben jetzt dort. Deren Vorfahren sorgten dafür, dass die alte Kultur radikal beseitigt wurde. In Nord-Ostpreußen konsequenter noch als im südlichen Teil. Die Ursachen sind bekannt. Der Nationalsozialismus hat sich des deutschen Volkes bemächtigt und mit ihm den 2.Weltkrieg und die Umsetzung des eigenen Rassenwahns begonnen. Sehr viele im Volk haben diesen Ideen geglaubt und sind ihnen gefolgt. Die Angegriffenen schlugen zurück, nahmen sich als Kriegsbeute unter anderem Ostpreußen und sorgten dafür, dass sie ein Land ohne die Ostpreußen hatten.
Das Ostpreußen, welches ich meine, fand und finde ich in Büchern. Geschrieben von denen, die damals dort aufwuchsen und ihre Kindheit beschreiben. Es sind ausschließlich Erinnerungen. Eine Chance auf Zukunft im Land der Väter und Mütter ist darin nicht zu finden. Wie auch, in Kenntnis der Situation. So empfinde ich einen Zwiespalt in mir. Auf der einen Seite fühle ich mich mit Ostpreußen, seiner Geschichte und den Menschen verbunden. Auf der anderen Seite leben heute für mich Fremde in der Region. Mit diesen verbindet mich wenig.
Was nun tun mit dieser Erkenntnis? Ich fühle mich wie in einem Spagat, aus dem ich nicht herauskomme. Frust auf die Verursacher der heutigen Situation? Ja, aber das hilft mir nicht weiter. Frust auf die Vorfahren der heutigen Bewohner der Region? Auch das ist keine Lösung, darauf lässt sich keine Zukunft aufbauen. Wie nun bekommt man diesen Spagat zwischen deutscher Vergangenheit und fremder Zukunft hin und aus ihm wieder heraus?
Sieht man sich den heutigen Zustand der Region an, ich meine den nördlichen Teil, kommt Trauer auf, Enttäuschung und Unverständnis. Es ist aber wichtig, auch diese Gefühle zu erleben. Manch einer findet seinen inneren Frieden, wenn er nach 50 oder 60 Jahren an die Orte seiner Kindheit zurückkehrt. So lange war etwas im Unterbewusstsein verschüttet, konnte nicht bewältigt werden. Seine eigenen Eltern hatten diese Chance des Aufarbeitens nicht.
Ich bleibe trotzdem neugierig. Was haben die Fremden aus dem Land gemacht, das ihre Vorfahren sich nahmen? Ernüchterung folgt nahezu augenblicklich. Aber deswegen aufgeben, die eigene Erinnerung an Ostpreußen aufgeben? Das kommt gar nicht in Frage. Denn es geht um mehr als um die Betrachtung einer aktuellen Situation, es geht um das eigene Selbstverständnis. Es geht um die eigene Identität. Für mich empfinde ich das so: Ich bin ein Erbe der ganzen deutschen Geschichte, im Guten wie im Schlechten. Da gibt es keine Rosinenpickerei. Entweder man nimmt alles, oder man lässt es bleiben. Das heißt beileibe nicht, dass man alles gut finden muss, was die Altvorderen getan haben. Eine eigene Meinung zu deren Taten ist schon vonnöten. Aber ich lasse mir 700 Jahre deutscher Geschichte in Ostpreußen nicht aus den Händen gleiten.
Die Sowjetzeit in Ostpreußen ist gescheitert, war historisch gesehen eine Sackgasse. Sie hat die Region um Jahrzehnte in ihrer Entwicklung zurück geworfen. Dabei hat sie gleichzeitig die Kraft von mindestens 2 Generationen ihrer eigenen Leute verbraucht. Ein Resultat dieser Lebenswerke ist kaum erkennbar, zumindest im ländlichen Raum. Es muss absolut frustrierend sein, am Ende eines Lebens auf solch ein Ergebnis verweisen zu müssen.
Die heutigen Bewohner sind von dieser Zeit noch stark geprägt, insbesondere auch mental. Sie beginnen aber ihre eigene Identität zu suchen, ihr Selbstverständnis. Jedenfalls war das mein Eindruck, als ich 2007 die Region besuchte. Dieser Prozess dauert lange, sehr lange. Eine eigene Identität erreicht man nicht per Erlass.
Ich wünsche den heutigen Bewohnern Ostpreußens, dass sie ihre eigene Identität finden. Sie werden slawische Wurzeln und eine deutsche Vergangenheit haben. Um sich diese Vergangenheit aneignen zu können, brauchen sie Unterstützung. Sie können nicht wissen, wie es damals in Ostpreußen war. Diese alte Geschichte zu bewahren, damit sie eines Tages auch an die Bewohner der Region weiter gereicht werden kann, ist Aufgabe der heutigen Deutschen. So bin ich dankbar für die Aktivitäten, die die Kreisgemeinschaften leisten. Insbesondere auch für den Aufbau des wertvollen Bildarchivs Ostpreußen. Für das Aufbewahren der tausenden kleinen Mosaiksteinchen an erlebter Geschichte, die so sehr viel lebendiger sind, als das Nachlesen von geschichtlichen Ereignissen in dicken Wälzern oder dem Internet.
Ich wünsche den Bewohnern auch Erfolg beim Abstreifen der Lethargie, die über dem Land liegt, gerade im ländlichen Raum. Ihre Region wurde einmal Kornkammer genannt. Das wieder zu erreichen, wäre ein lohnendes Ziel.
Ein Scheitern dabei ist nicht auszuschließen. Wenn die Bewohner für sich keine Perspektive in der Region sehen, werden sie entweder revoltieren oder auswandern. Eine 4. baltische Republik könnte entstehen. Oder der Beitritt zu einem Nachbarland erfolgt. Beides setzt voraus, dass Moskau das Interesse an der Region verliert. Oder nicht mehr die Kraft hat, die Region zu halten. Eine Illusion? Falsch. Nichts ist unmöglich. Wer von uns sah den Fall der Mauer voraus?
Na also.
Dieses Volk wird seine Identität finden, mag es noch eine Generation dauern oder auch zwei. Es wird eine baltische Identität sein, keine slawische. Zunächst ohne Vergangenheit vor 1945. Diese Vergangenheit wird 1.000 km weiter westlich aufbewahrt. Halten wir sie bereit.
Frank Peßlies Gottfried-Keller-Str. 1, 16540 Hohen Neuendorf Tel. 03303-211 223 pesslies@freenet.de
Reaktionen:
Wie uns Herr Peßlies Anfang Februar 2011 mitteilte haben sich 2 Monate nach dem Erscheinen des Heimatbriefes (einschließlich dieser Veröffentlichung) mit dem darin enthaltenen Artikel über Ostpreußen, Erbe und Zukunft lediglich zwei Leser des Heimatbriefes bei ihm gemeldet. Er bemerkt dazu: Bedenkt man eine Auflage von etwa 8.000 Exemplaren des Heimatbriefes, ist die Resonanz vernachlässigbar klein. Offensichtlich wurde mit dem Artikel kein Thema angesprochen, welches die Leserschaft interessiert. Zudem gingen beide Reaktionen eher auf die historische Situation, als auf eines der eigentlichen Themen des Artikels, den zukünftigen Umgang mit den von den Kreisgemeinschaften gesammelten Unterlagen ein. Dieses Ergebnis verwundert etwas. Allerdings hat man es zur Kenntnis zu nehmen.
Unsere Reise in die Elchniederung 2010
Am Sonnabend 03.Juli 2010 machten wir uns auf den Weg in die Elchniederung nach Ostpreußen.Wir, das sind Hartmut und Bärbel Dawideit mit Schwester Eva. In diesem Jahr war die Anreise 500 km länger. Meine Schwester Eva fuhr nach 15 Jahren wieder einmal mit. Also war nicht in Leipzig Start, sondern in Haren im Emsland. Die Fahrt war zwar anstrengend, immerhin 1500 km, verlief aber ohne Zwischenfälle. Auch an der Grenze ging es reibungslos. Am Abend kamen wir in Heinrichswalde an. Manfred Romeike war mit seiner Frau und seiner Tochter auch in Heinrichswalde. Am Sonntag 04.Juli nahmen wir alle am Gottesdienst in der Kirche teil. Anschließend fand im Gemeindezentrum bei einem Imbiss die Übergabe der Bruderhilfe statt, es ist eine Zuwendung von der Landsmannschaft Ostpreußen. Die evangelische Kirchengemeinde hat eine neue Vorsitzende, Sofia Tichomirowa. Sie hat uns ihre Vorstellungen über ihre Arbeit und die Renovierung der Kirche dargestellt. Während unseres Aufenthaltes in Heinrichswalde war sie uns eine große Hilfe. am Nachmittag fuhren wir gemeinsam nach Herdenau. An der Brükke über die Gilge in Sköpen war in diesem Jahr kein Kontrollposten. In Herdenau trafen wir uns mit Jürgen Leiste. Er ist im Vorstand vom Verein Anthropos und engagiert sich bei der Jugendarbeit in Herdenau und für die Sanierung des Jagdschlosses Pait bei Inse. Im Jugendheim übergaben wir eine Ausrüstung, bestehend aus Trikot, Hosen und Stutzen sowie zwei Bälle an die Fußballmannschaft. Anschließend fuhren wir zum Jagdschloß Pait. Nach der Besichtigung, es gibt dort ein kleines Museum und der Kaisersaal ist schon fertig, erfuhren wir bei Kaffee und Kuchen viel von der Geschichte des Jagdschlosses und auch wie sich Herr Leiste die weiteren Arbeiten zur Sanierung vorstellt. Am Montag waren Manfred Romeike und ich zu Gesprächen in der Verwaltung Heinrichswalde. Wir wollten am Heimatmuseum ein Schild anbringen. Dazu benötigten wir die Genehmigung der Verwaltung. Also reichten wir einen schriftlichen Antrag ein und erhielten dann die Erlaubnis. Als Dolmetscherin half uns Sofia. Am Dienstag trafen wir uns am Museum. Es befindet sich in der ehemaligen Friedrichstraße (lt. Ortslageplan das ehemalige Haus der Fam. Irrgang) etwa 150 m von der Kirche Richtung Krankenhaus. Ich hatte alles, was ich für die Arbeit brauchte, aus Deutschland mitgebracht. Wie groß das Problem war, eine passende Leiter zu bekommen, ist unvorstellbar. Ende gut, alles gut – das Schild hängt, wie das Bild beweist. Ich möchte allen, die in die Elchniederung reisen, einen Besuch des Museums empfehlen. Herr Kent ist für das Museum verantwortlich und hat mit viel Energie ein Kleinod aufgebaut. Anmelden muss man sich telefonisch bei Ivan Malakow in der Ve
rwaltung. Tel.: 8 40163 31770 oder Handy +79114622834. Im ev. Gemeindeamt bekommt man auch Hilfe. In Kuckerneese wurde der Kindergarten nach umfangreicher Sanierung wieder eröffnet. Manfred Allies, früher Kirchspielvertreter von Kuckerneese, hat im Namen der Kreisgemeinschaft bei seinen Besuchen in Kuckerneese auch dem Kindergarten einen Besuch abgestattet. Mit Spielsachen und Süßigkeiten fuhren wir zum Kindergarten. Er ist ein wahres Paradies für die Kleinen. Während unseres Spazierganges in Kuckerneese fiel mir auf, dass der Zaun um die Kirche fehlte. Drei Leute trugen Steine an der Sakristei ab. Mein Ärger war groß. Mit Hilfe von Sofia meldete ich mich zu einem Gespräch in der Verwaltung Heinrichswalde an - Kuckerneese fällt in die Zuständigkeit von Heinrichswalde. Dort wusste man von nichts, versprach aber, sich zu kümmern. Zu Hause erhielt ich die Antwort, dass die Kirche jetzt der orthodoxen Gemeinde gehört. Es würden Reparaturarbeiten durchgeführt. Das wäre natürlich sehr erfreulich. Am nächsten Tag fuhren wir in meinen Heimatort Inse. Im vorigen Jahr hatte mir Siegfried Scholz aus Inse erzählt, dass der Taufstein aus der Kirche im Garten eines Grundstückes als Blumenkübel steht. Wir hatten ihn auch gefunden, konnten aber aus Zeitgründen nichts mehr unternehmen. Die Besitzer des Grundstückes (ehemals Fam.Beckoleid) versprachen uns, dass wir den Taufstein nach Heinrichswalde in die Kirche bringen können. Als wir nach Inse kamen, nahmen wir das Projekt „Taufstein“ in Angriff. Der Versuch, den Stein zu bewegen, ging schief. Jei, war der schwer. Wieder in Heinrichswalde, erzählten wir unseren Wirtsleuten von unserem Transportproblem. Für den Hausherrn kein Problem. Abends 20 Uhr mit starken Bohlen und einer Flasche Wodka fuhren wir mit seinem Transporter noch mal die 70 km nach Inse. Mit Hilfe von fünf Bewohnern von Inse wurde der Taufstein eingeladen und 23 Uhr war er in der Kirche in Heinrichswalde.
Hartmut Dawideit, früher Inse
In der deutschsprachigen Internetausgabe “Russland-Aktuell” (Kaliningrad) fanden wir folgenden Artikel:
Dienstag, 26.10.2010
Neuer Volksstamm in Russland: Die „Kaliningrader“
Kaliningrad. Bei der am Montag beendeten Volkszählung haben im Gebiet Kaliningrad mehrere Menschen als ihre Nationalität „Kaliningrader“ angegeben. Die Exklave an der Ostsee scheint ihr eigenes Völkchen zu gebären.
Bei der Volkszählung konnte jeder Befragte seine ethnische Zugehörigkeit selbst bestimmen, die Volkszähler sollten eintragen, was ihnen genannt wird. Eine Liste der „zulässigen Nationalitäten“ gab es nicht, auch werden keinerlei Nachweise der ethnischen Zugehörigkeit gefordert.
Wie Galina Tschurikowa, der Leiterin der Kaliningrader regionalen Abteilung der Statistikbehörde RosStat erklärte, hätten sich auf diese Weise einige Befragte im Gebiet Kaliningrad zu „Kaliningradern“ erklärt. Wie viele Menschen sich so identifizieren, konnte sie nicht sagen, es habe aber eine ganze Reihe solcher Fälle gegeben.
Bislang galten 82 Prozent als "Russen"
Ganz offenbar wirkt sich die zwei Jahrzehnte dauernde Isolation der von Polen und Litauen umgebenen russischen Exklave mittlerweile auf das Selbstverständnis der etwa 950.000 Bewohner aus.
Bei der letzten Volkszählung 2002 hatten sich etwa 82 Prozent der Bewohner des Bernsteinlandes als Russen und je 5 Prozent als Weißrussen und Ukrainer bezeichnet. Nach Litauern und Armeniern stellten Deutsche mit 0,9 Prozent die sechstgrößte Bevölkerungsgruppe.
Aber sofern es sich nur um Einzelfälle und kein Massenphänomen handelt, werden die neuen Angehörigen des Kaliningrader-Volkes in der aktualisierten Statistik wohl auch nur in der Rubrik „Sonstige“ aufgehen. So wie auch alte Pruzzen oder Ostpreußen, die sich beim Zensus vielleicht auch noch gefunden haben ...

